WULF HERZOGENRATH

INTERVIEWS


ALFRED MOEKE

PROF. DR. WULF HERZOGENRATH





? Die Kunst ist ein weites Feld. Lässt sich die Formel 'Kunst kommt von Können' auf alle künstlerischen Aktivitäten anwenden?


WH: Handwerkliches Können kann in der Kunst nicht schaden, ist sicher eine gute Voraussetzung – aber die Überwindung des Gelernten, die Offenheit für Experimente, die Lebendigkeit und die Authentizität – das sind wichtigere Komponenten eines Kunstwerks als 'Können'.


Ehrlich gesagt gibt es eine zunächst eher ironisch scheinende Definition von Kunst: 'Kunst ist die Ausdauer der Hinterbliebenen' – dieser schöne klare Satz stammt aus dem Jahr 1920 und wurde von den Kölner Dadaisten formuliert in ihrer Zeitschrift 'Stupid'. Die Künstler sagen damit klipp und klar: Kunst definiert sich nicht vom Kunst-werk her, sondern durch die Rezeption durch uns, die Betrachter, Zuhörer, die zu entscheidenden Akteuren werden – und zwar müssen es mehrere, viele sein und das über einen längeren Zeitraum. 'Ausdauer' besagt, dass es nicht reicht, kurze Zeit im Blickpunkt des Publikums, der Galerien und Museen zu stehen.


? Das verleitet zu mehreren Fragen. Auf die heutige Zeit übertragen, heißt das: Medienarbeit? Wer durch die Massen-medien marschiert, kann die Zeit der 'Ausdauer' verkürzen? Bei geschickter PR-Arbeit könnte eine Künstlernatur fast über Nacht berühmt werden und eigentlich alles vermarkten ...? Beispiel: Wenn ein weltbekannter Schauspieler (Schauspielern ist ja auch eine Kunst) nun auch noch Bilder malt, bekommt er gleich einen Wertigkeits-Bonus dazu?


WH: Die heutigen überall vorhandenen Medien machen die Wellen stärker, aber es bleibt beim Grundprinzip: eine positive kurzzeitige Begeisterung macht noch kein länger wirksames Kunstwerk. Auch im Zeitalter der digitalen Medien bleibt die vor 100 Jahren formulierte Wahrheit:


Das Kunstwerk definiert sich nicht durch sich selbst, seinen Stil, seine Formen, seine Inhalte, sondern die Bedeutung des Kunstwerks entsteht nur durch uns, die Betrachter, wenn von uns einige fasziniert sind und dies auch über längere Zeit bleiben, dann wirkt dies Kunstwerk – egal wie es der Künstler gemeint hat.

WULF HERZOGENRATH                  Foto: Take Janssen

? Wer ist der Betrachter? Ist es der Laie, der Kunstliebhaber oder der Kunstexperte?


WH: Es ist jeder Einzelne, ob Fachmann oder Interessierter – erst die Summe der Reaktionen über einen längeren Zeitraum erschafft das Kunstwerk als Kunst.


? Lässt sich der „längere Zeitraum” definieren?


WH: Schon ein Jahrzehnt.


? Wenn ein Kunstschaffender Jahrzehnte lang in seinem Ort agiert, wird er sicher einen lokalen Status gewinnen, eben weil er zeitlich ausdauert. Fehlt da nicht die räumliche Ausdehnung, also neben der Zeit auch der Raum?


WH: Das ist völlig richtig, zum Raum wird hier die Zeit, um mit Wagner zu sprechen. Wir kennen in jeder Stadt und Region gewichtige und interessante Künstler, die feste Verortung ist positiv für die Reputa-tion in dieser Umgebung – aber nur selten strahlt der Ruf über die engen Grenzen aus, aber dann können wir von einem national gewichtigen Künstler sprechen.



- Promotion 1970 über die Wandbilder Oskar Schlemmers;

- Katalogbearbeitung „50 jahre bauhaus” (Wanderausstellung 1968–1971);

- Kurator der Ausstellung „bauhaus utopien” (1988 in Budapest, Madrid und Köln).

- Viele Einzel-Veröffentlichungen zur Kunst des 20. und 21. Jahr-hunderts, mit Schwerpunkten Bauhaus, Medienkunst und Kunst-vermittlung

- 1973–1989 Direktor des Kölnischen Kunstvereins

- 1989–1994 Hauptkustos der Nationalgalerie Berlin

- 1994–2011 Direktor der Kunsthalle Bremen

- Seit 2006 Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2012 Direktor der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste Berlin

? Können Sie einer/einem Kunstschaffen-den in der heutigen Zeit Tipps geben, um Anerkennung zu gewinnen und gleichwohl einen gewissen materiellen Erfolg zu erreichen?


WH: Da kommen so viele Dinge zusammen, die ich damals in meinen Vorlesungen an der Kölner Werkschule in den 70er/80er Jahren verbreitet habe in meinem Kurs „Wie werde ich ein berühmter Künstler“ – „Wie werde ich ein guter Künstler“ überließ ich den Lehrern auf der Werkschule, aber das war ja die wichtigste Grundlage, denn Struktur-Wissen ohne inhaltliche Substanz ist hohl.

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